Eine Rabengeschichte, Teil 1

Eine kleine schwarze Wolke steigt aus den Baumwipfeln am Hang, fällt hinunter zum Fluß, verharrt einen Lidschlag lang über der grauen Geröllbank und flattert dann, harte Rufe ausstoßend, am diesseitigen Ufer auseinander. Zeuge der Szene, angerückt mit zentnerschwerem Equipment, kolossalen Teleobjektiven, ferngesteuerter Kamera, bin ich, ein Fotograf, der sich vorgenommen hat, eine Bildreportage zu erarbeiten. Leidlich getarnt, warte ich inzwischen seit 3 Tagen darauf, daß die schwarzen Gesellen sich nun endlich so verhalten, wie einschlägig bewanderte Fachleute es von ihnen behaupten; nämlich das Fallwild annehmen, das angeblich eine ihrer Nahrungsgrundlagen ist.

rabe4a.jpg (20163 Byte)

Dort unten im niederösterreichischen Grünau, sorgfälltig auf einer Geröllbank plaziert, liegt eine solche Nahrungsgrundlage: Der Kadaver einer in den Bergen abgestürzten Gemse. Mir freundlich überlassen von den Jägern der " Herzog von Cumberland Stifftung ", damit ich mein typisches Foto bekomme: Kolkraben auf einem Luder.
Im Wildpark, der hier vor 19 Jahren eingerichtet worden ist, finden Raben offenbar ideale Lebensbedingungen - die Landschaft ist gebirgig, reich an Wald und wildlebenden Tieren, an deren Futterstellen sich inzwischen etwa 200 der anderswo seltenen Vögel ernähren.

Nur an meine Gemse wollen sie nicht ran. Zwar überfliegen sie den Fluß etwas gemächlicher, wohl auch tiefer als gewöhnlich, beäugen dabei schiefköpfig den Köder, aber sie lassen sich nicht nieder. Durchs Teleobjektiv zähle ich die Fliegen da unten auf dem Kadaver. Die Stunden zähle ich schon lange nicht mehr.

Hier gehts weiter ....