Eine Rabengeschichte, Teil 3

Nach zwei weiteren Tagen räume ich das Feld und probiere es mit dem nächsten Motiv, das Grünau zu bieten hat und das diesmal in keinem Lehrbuch zu finden ist: Im Wildschweingehege des Konrad-Lorenz-Instituts sehe ich eine halbwüchsige Wildsau im Galopp durchs Unterholz preschen, angespornt von einem auf ihrem Rücken reitenden Kolkraben! Überrumpelt von dem Anblick, kann ich rasch ein paar Schnappschüsse machen. Dann setze ich alles in Bewegung, um dieses Foto in gehöriger Qualität zu bekommen.

Freundlich treten mir die Wissenschaftler des Instituts für eine Weile den Beobachtungshochsitz im Gehege ab. Einen Fichtenholzkasten mit schmalen Sehschlitzen, die ich für meine Objektive erweitere. Zufrieden grunzen Keiler, Bachen, Überläufer und Frischlinge über dem Futter, das täglich am Fuß des Hochsitzes für sie ausgeschüttet wird. Da kommen auch schon, kaum habe ich meinen Posten bezogen, einige Raben angesegelt und mischen sich unter die schmatzende Gesellschaft. Die Schweine scheint das nicht zu stören - lediglich die zwei Wochen alten Frischlinge legen lieber etwas Abstand zwischen sich und die schwarzen Gäste.

rabe12a.jpg (27266 Byte)

Zu meiner Freude läßt sich im Blickwinkel der Objektive eine der Bachen auf die Seite sinken und bietet ihren Jungen die Zitzen. Interessiert beobachtet ein großer Rabe das Familien-Idyll. Ich habe das Gefühl, daß er gleich auf die säugende Bache hüpfen wird, richte vorsichtig die Kamera auf die Gruppe und löse zweimal aus. Mein dunkles Gehäuse verbirgt mich perfekt. Da bin ich mir ganz sicher. Dennoch scheint der Rabe was bemerkt zu haben. Er fliegt davon. Immerhin habe ich zwei Fotos. Es geht also.

In den nächsten Tagen beobachte ich erstaunliche Szenen. Etwa als eines Mittags von allen Seiten Kolkraben herbeifliegen, fünf, zehn, 20. Zuletzt umstehen 40 Raben die Sauenrotte. Mir kommt es so vor, als versuchten sie, die Frischlinge abzudrängen. Verschwörerische Spannung liegt in der Luft. Vielleicht fallen die Raben im nächsten Augenblick über das schwächste Jungschwein her? Im Zeitlupentempo und mit einem Stoßgebet an die Muse der Lichtbildner schwenke ich ein Objektiv auf die Szene. Kaum stelle ich scharf, fliegt, huuuu, der Spuk auf. Zurück bleiben die suhlenden Schweine.

Hier gehts weiter ....